Ernährungswende vom Acker bis zum Teller

Unsere heutigen Interview-Partnerinnen sind von EssBO! Ernährungsrat Bochum.

Ihr seid schon lange im Verein EssBO! Ernährungsrat Bochum e.V. aktiv. Wie kam es zur Gründung und was sind eure Ziele?

Veronika: Bei mir kam der Anstoß durch das 3. Klima- und Nachhaltigkeitsforum „Wie wollen wir hier leben?“ zum Thema Ernährung im Schauspielhaus. Dort wurde der Gedanke der Essbaren Stadt vorgestellt, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Daraus ist die Initiative EssBO! entstanden.
Gabi: Ich war vorher schon im Ernährungsrat Bochum aktiv. Neben dem großen Thema der Ernährungswende hat mich die Idee der Essbaren Stadt angemacht, wovon in Bochum nicht viel umgesetzt war. Außer ein paar Streuobstwiesen und einigen privaten Urban-Gardening-Aktionen war da nicht viel.

Wir haben uns dann in der Coronazeit zusammengetan und eine Vielzahl von Onlinetreffen mit eine großen Zahl von Beteiligten durchgeführt. Wir haben gemerkt, dass wir die gleichen Ziele verfolgen und dass bei beiden Initiativen fast die gleichen Leute dabei sind. Deshalb haben wir 2022 unseren Verein EssBO! Ernährungsrat Bochum gegründet, der als gemeinnützig anerkannt ist.

Wir wollen eine Ernährungswende vom Acker bis zum Teller. Die Art und Weise, wie Nahrungsmittel erzeugt, gehandelt, verteilt und verbraucht werden, blendet die wahren Kosten aus, die Kosten für Menschen, Tiere und die Umwelt. Für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft muss sich das ändern – auch in Bochum. Unsere Stadt soll eine essbare Oase werden – statt Hitzeinseln Gemeinschaftsgärten in jedem Quartier, Hochbeete, vertikale Beete und Blühstreifen in jeder Straße und Streuobstwiesen und Dachgärten, wo immer es möglich ist.
Wir wollen eine ökologische Lebensmittelherstellung und Ernährungsgerechtigkeit – gutes Essen für alle statt Lebensmittelverschwendung. Wir haben Bildungsangebote zu Gärtnern und Ernährung für alle Altersgruppen.
Wir sind ein Netzwerk aus parteiunabhängigen Organisationen und Einzelpersonen. Unter uns sind Gärtner:innen, Studierende, Landwirt:innen, Pädagog:innen, Künstler:innen, Köch:innen, Wissenschaftler:innen und viele mehr.

In Verwaltungsvorlagen, die im Ratsinformationssystem der Stadt Bochum veröffentlicht sind, werdet ihr immer wieder mal erwähnt und auf eure Arbeit wird Bezug genommen. Das kann nicht jede Initiative von sich behaupten. Wie habt ihr das erreicht? Standen euch von Anfang Türen ins Rathaus offen?

Wir haben 2021 im Ratsinformationssystem der Stadt Bochum eine Vorlage zur Essbaren Stadt gefunden, die nach einer Initiative zu diesem Thema gefragt hat. Daraufhin haben wir uns mit der Abteilungsleiterin aus dem Grünflächenamt in Verbindung gesetzt, die hat die damalige Leiterin der Stabsstelle Klima- und Nachhaltigkeit hinzugezogen. Es gab dann mehrere gemeinsame Videokonferenzen und das Interesse zusammenzuarbeiten. Wir haben versucht, jede Möglichkeit der Kooperation kreativ zu nutzen. Leider ist ab 2023 der Kontakt wegen personeller Veränderungen im Rathaus schwieriger und weniger geworden. Aber wir haben der Stadtverwaltung immer wieder Angebote unterbreitet und Ideen vorgestellt, die durchaus auf Interesse gestoßen sind. Wir haben uns auch an die Stadtpolitik gewandt. Zur Zeit werden wir durch die Bezirksvertretung Mitte sehr bei unserem Projekt Schlaraffenband unterstützt.

Was ist das Schlaraffenband für ein Projekt? Wie sieht es mit der Umsetzung des Schlaraffenbandes in Bochum aus? 

Das Schlaraffenband ist eine gemeinsame Vision der Ernährungsräte Essen, Bochum und Dortmund. Wir wollen die Idee der Essbaren Stadt er“fahr“bar machen und dafür auf den Radwegen des Ruhrgebiets Naschorte einrichten, also essbare Rastplätze mit Schattenspendern, Obstbäumen, Beerensträuchern, Nussgehölzen, Küchenkräutern, Hochbeeten, ergänzt von essbaren Wildpflanzen. Nach Möglichkeit können die Radler:innen ihre Trinkflaschen an Trinkbrunnen auffüllen. In Essen und Dortmund sind seit 2023 bereits vier Naschorte entstanden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hier freuen wir uns jetzt sehr, dass der erste Bochumer Naschort im Pocket Park an der Franz-Vogt-Straße in Kooperation mit dem Grünflächenamt konkret geplant wird. Die Eröffnung soll möglichst noch im Winter 2025, spätestens im Frühjahr 2026 stattfinden. Beteiligt ist dabei auch die Hochschule Bochum, die sich um die Partizipation kümmern möchte, also darum, Leute zu finden, die den Naschort langfristig nutzen und pflegen. Wir wünschen uns natürlich weitere Naschorte an Bochums Radwegen!

Ihr seid auch an der Kampagne  „Bochum gemeinsam“ beteiligt und habt auch bei den Protesten vor der letzten Ratssitzung im Ruhrkongress im Juli 2025 mitgemacht. Warum haltet ihr es für erforderlich, Druck auf die Politik auszuüben?

Wir waren als EssBO! Ernährungsrat Bochum beim GNK-Prozess und dem Klimaplan zur Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt Bochum beteiligt und haben uns so gut wie möglich eingebracht. Nach Veröffentlichung der Nachhaltigkeitsstrategie hatten wir leider den Eindruck, dass das Engagement und die Expertise der beteiligten Akteure nicht mehr berücksichtigt und nicht wertgeschätzt werden. Wir denken, dass eine nachhaltige Transformation der Stadt Bochum nur im Schulterschluss mit den engagierten und interessierten Bürger:innen gelingen kann. Das wollen wir der Stadtpolitik gerne deutlich machen.