Wollen wir in einer bunten offenen Gesellschaft leben?

In unserer Interviewreihe sprechen wir heute mit Günter Scholten, ehrenamtlicher Organisator des von Künstler*innen selbst organisierten Showrooms, Oskar-Hoffmann-Straße 46, über die Situation der Freien Kultur in Bochum und was besser werden muss.

? Auf der Webseite von ‚Bochum gemeinsam‘ heißt es „Demokratie braucht Kultur“. Welche Rolle siehst du für die Kultur bei der Bewahrung und Verteidigung der Demokratie?

! Kunst und Kultur in all ihren Formen ist eins der wichtigsten Dinge, um Demokratie zu verteidigen. Das sieht man gut an demokratischen Gesellschaften: diejenigen, die eine gute Kultur haben, sind offen und liberal.

? Welche Aktionen und Projekte macht ihr aktuell dazu?

! Der Showroom ist im Stadtteil fest verankert. Wir machen jede Woche eine Vernissage, ständig treffen dort neue Menschen aufeinander, die sich vernetzen. Dabei zeigt sich: die Verankerung der Kultur im Stadtteil ist die Grundlage, ganz egal, ob sogenannte Hochkultur oder Freie Szene. Es kommt auf die Strahlkraft in die Gesellschaft an und die ist auch beim Schauspielhaus mit seinen politischen Positionen gegeben. Zur Zeit sind Projekte zentral, die sich politisch einmischen – es geht um die Frage: wollen wir in einer bunten offenen Gesellschaft leben oder geprägt von Macht und Einzelnen, die entscheiden, was Kultur ausmacht. Wir haben aktuell z.B. eine Plakatserie zu den Wahlen gemacht mit den Themen Protestwahl, Abtreibung und Migration.

? Du hast in den vergangenen Jahren beim von der Stadt organisierten Kulturentwicklungsprozess mitgemacht. Wie hast du diesen Prozess erlebt und was ist aus den Ergebnissen geworden?

! Ich bin erst später eingestiegen, aber für mich war die zentrale Botschaft: es sollte um die Beteiligung der Kulturszene gehen, rein mit ihren Belangen in die Gremien und letztlich den Rat. Daraus ist im Endeffekt die Kulturkommission geworden, eine Einrichtung ohne Rede- und Stimmrecht in den Gremien.

? Die Freie Kulturszene in Bochum kämpft seit Jahren für eine ausreichende und sichere Arbeitsgrundlage, auch finanziell. Welche Förderung würde wirklich helfen?

! Ganz klar: bezahlbare Räume für jede Art von Kulturbetrieb zu bieten, und zwar unzensiert für jegliche Kunst- und Kulturszene! Ein guter Ansatz war der Erhalt der Rottstraße oder der ‚Tapetenwechsel‘, also die temporäre Nutzung von Leerständen in der Innenstadt. Die Förderpolitik sollte auch nicht abhängig gemacht werden von universitären Karrieren der Antragsteller*innen sondern von der Qualität der Arbeit. Es müsste darum gehen, mehr projektorientiert zu denken und projektbezogen Gelder zur Verfügung zu stellen.

Wichtig ist aber auch anzuerkennen, dass erfolgreiche Veranstaltungsformate wie Bochum Total oder der Musiksommer etc. der Freien Szene helfen – sie fördern die Aufmerksamkeit, bieten Auftrittsmöglichkeiten und ermöglichen Förderung.

? Du unterstützt mit deinem Show-Room das Initiativenbündnis ‚Bochum gemeinsam‘. Wie kann eine Unterstützung der Freie Kulturszene durch gemeinsame Aktivitäten aussehen?

! Kreative können Initiativen bei ihrer konkreten Arbeit mit Entwürfen helfen und das geschieht ja auch schon. Das ist gleichzeitig Werbung für die Künstler*innen, die das gemacht haben und Werbung für dahinterstehende Institutionen. Insgesamt geht es aber um viel mehr: wir erleben ja oft, dass Stadtviertel erst durch Künstler*innen aufgewertet werden und dann gentrifiziert. Es muss darum gehen, in den Quartieren als Kunst- und Kulturschaffende verwurzelt zu sein und die Fragen in die künstlerische Arbeit aufzunehmen, die im Alltag relevant sind, also Wohnen, soziale Beziehungen, Infrastruktur, Quartiersentwicklung – dadurch wird Kunst automatisch politisch.