Am 12. Juli plant ihr einen „utopischen“ Spatenstich, um – wie ihr schreibt– den : „Grundstein für den Umbau des Bildungs- und Verwaltungszentrums und eine neue gemeinwohlorientierte Nutzung“ des BVZ zu legen. Was ist ein utopischer Spatenstich?
Amelie: Grundsätzlich wird jeder Baubeginn mit einem Spatenstich gefeiert, der symbolisch den Startschuss für ein neues Projekt markiert – in unserem Fall für das Umnutzungsprojekt „Ein Haus für alle“. Der utopische Spatenstich soll für uns aber nicht nur den Baubeginn widerspiegeln, sondern vor allem auch einen Denkanstoß an die Stadtgesellschaft Bochums geben. Es ist ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg, Stadtentwicklung aus dem Bestand heraus zu denken. Mit dem Umbau des BVZ und der Neuschaffung „Eines Hauses für alle“ kommen wir außerdem unserer Vision, eine gemeinschaftliche und lebenswerte Innenstadt zu schaffen, ein gutes Stück näher.
Stadt für Alle ist ja schon lange an dem Thema der Nachnutzung des BVZ – Eure Position ist, dass Abriss und Neubau keine sinnvolle Alternative sei. Aber ist ein solcher (hässlicher) Bau wirklich erhaltenswert?
Anna-Lena: Die Erscheinung eines Gebäudes ist immer subjektiv. Das BVZ ist ein Kind seiner Zeit und unabhängig davon, ob einem das gefällt oder nicht, strahlt das Gebäude durch seine Funktion von innen heraus. Es stellt die gebaute Vision der Nachkriegszeit, dem gemeinschaftlichen Anspruch einer Bildung für alle gerecht zu werden, dar. Als prägendes Element im Stadtbild Bochums und Teil eines Ensembles ist das Gebäude Identitätsstifter und Gemeinschaftsort für alle. Ein Abriss des BVZ würde eine soziale sowie städtebauliche Lücke hinterlassen, die ein Neubau kaum ersetzen könnte. Außerdem verfügt Bochum über relativ wenig historische Bausubstanz, weshalb es umso wichtiger ist, dass neben den gründerzeitlichen Villen im Stadtpark auch Bauten der Nachkriegszeit bestehen bleiben. Ihr Erhalt trägt immens dazu bei, das kulturelle Erbe der Stadt zu bewahren. Und dabei wird noch graue Energie eingespart, also was will man mehr? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Damit folgen wir anderen Städten, die schon zeigen, dass nachhaltige Lösungen möglich sind.
Ihr habt konkrete Nachnutzungskonzepte vorgestellt – könnt ihr die ein wenig erläutern, konkret den Entwurf von Lennard Flörke?
Amelie: Bei dem Entwurf handelt es sich um die Masterarbeit von Lennard Flörke. Geboren und aufgewachsen in Bochum, bringt er mit seinem Konzept greifbare Argumente für den Erhalt dieses geschichtsträchtigen Gebäudes in den aktuellen Diskurs ein. Da die derzeitigen Nutzerinnen das Bestandsgebäude verlassen werden, reagiert der Entwurf auf die angespannte Wohnraumsituation in Bochum und schafft dort neuen, sozial gerechten Wohnraum. Die geplanten Wohnungen sind dabei flexibel gestaltbar: Sie lassen sich je nach Bedarf erweitern oder verkleinern und können so individuell auf die Lebenssituationen und Bedürfnisse der Bewohnerinnen reagieren. Darüber hinaus sieht das Konzept gemeinschaftsfördernde Nutzungen vor, etwa eine Kindertagesstätte mit öffentlichem Indoor-Spielplatz sowie eine Grundschule mit öffentlicher Mensa. Wir sind überzeugt, dass der Entwurf von Lennard einen wertvollen Beitrag darstellt, da er verdeutlicht, wie vielfältig die bestehende Bausubstanz des BVZ genutzt werden kann und welches Potenzial in ihr steckt – die Möglichkeit, ein „Haus für Alle“ zu schaffen und einen Ort der Begegnung und Identifikation für Bochum zu etablieren.
Stadt für Alle ist ein wichtiger Akteur in unserem Kampagnenbündnis Bochum gemeinsam. Ihr habt eine Reihe von Essentials und Ideen eingebracht. Welche Erwartungen habt ihr an dieses Bündnis – was kann das Stadt für Alle bringen?
Anna-Lena: Das Bündnis ‚Bochum gemeinsam‘ bedeutet für uns, zusammen mit anderen Initiativen für die Themen zu kämpfen, mit denen wir uns seit Jahren intensiv beschäftigen. Durch das Bündnis wird die Sichtbarkeit dieser Themen erhöht und in einen gemeinsamen Rahmen gesetzt. Wir wollen Themen in großer Runde zusammenbringen, die sonst oft einzeln in den Initiativen und auf unterschiedliche Weise behandelt werden – wie zum Beispiel Bildungsgerechtigkeit, Ökologie, soziale Gerechtigkeit, Gemeinwohlorientierung und bezahlbarer Wohnraum. Unser Ziel ist es, die Stadt gemeinsam zu gestalten. Durch Zusammenarbeit und gegenseitigen Austausch innerhalb des Bündnisses können wir jetzt Veränderungen bewirken und aktiv dazu beitragen, eine lebenswerte Stadt für alle zu schaffen.
