Für eine gesundheitsfördernde Stadtentwicklung

In unserer Interviewreihe sprechen wir heute mit Heike Köckler, Professorin für Sozialraum und Gesundheit an der Hochschule Bochum, über Verkehr und Gesundheit und wie die Einführung von Tempo 30 auf den Hauptstraßen in Bochum die Stadt lebenswerter macht.

? Seit über 10 Jahren bist du Professorin für Sozialraum und Gesundheit an der Hochschule Bochum. Was sind deine Arbeitsschwerpunkte und wie bringst du deine Forschung in die Stadtgesellschaft in Bochum ein?

! Ich arbeite mit meinem Team zu gesundheitsfördernder Stadtentwicklung. Hierbei geht es um die Umwelt in der wir wohnen, arbeiten oder unsere Freizeit verbringen und wie diese insbesondere durch kommunales Handeln gestaltet werden kann. Hierbei interessieren mich Allianzen zwischen verschiedenen Ressorts (bspw. Umwelt, Stadtentwicklung, Tiefbau, Soziales und Gesundheit), unterschiedlichen Akteur:innen (Verwaltung, NGOs, Wissenschaft, diverse Communities) und wirksame Beteiligungsmethoden für diverse Communities in der Stadt – also Öffentlichkeitsbeteiligung.

In Bochum bringe ich mich als Hochschullehrerin mit verschiedenen Projekten in Lehre und Forschung ein. So versuche ich mich mit meinen Möglichkeiten immer wieder auch in die integrierte Stadtentwicklung in Bochum-Wattenscheid einzubringen. Zudem begleiten wir aus der Forschung heraus die Öffentlichkeitsbeteiligung in der Lärmaktionsplanung und dem Fachplan Gesundheit. Die Zusammenarbeit im Sinne von UniverCity und auch dem Haus des Wissens ist für meine anwendungsorientierte Forschung und Lehre immer sehr wertvoll.

? Der Verkehr hat mit Lärm und Umweltschadstoffen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. Was sind die Ergebnisse in der Forschung auf die Du aufbaust?

! Es ist nachgewiesen, dass Lärm- und Luftbelastung gesundheitliche Auswirkungen haben. Hierzu gibt es umfangreiche Studien aus den Gesundheitswissenschaften. Diese werden von der Weltgesundheitsorganisation ausgewertet und in politische Empfehlungen überführt. Diese sind dann eine Grundlage für den planerischen Umweltschutz wie der Lärmaktionsplanung oder der Luftreinhalteplanung. Teilweise gibt es hier klare Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen. In beiden Fällen, ist insbesondere in Städten der motorisierte Individualverkehr eine wesentliche Quelle. So ist beispielsweise nachgewiesen, dass Lärmbelastung insbesondere Schlafstörungen, Herz-Kreislauferkrankungen aber auch Folgen für die mentale Gesundheit mit sich bringen kann. Luftbelastung – und hier insbesondere der Feinstaub – sind nicht nur ursächlich für Atemwegserkrankungen, sondern können auch Demenz fördern und Schwangerschaften beeinträchtigen. Eine weitere Auswirkung ist der Verlust an Begegnungs- und Bewegungsfläche, da viele Straßen vorrangig oder allein dem Verkehr dienen, mit Unfallrisiken verbunden sind und nicht zum Spielen, Verweilen oder Begegnen einladen.

? Menschen mit wenig Geld sind auf billigen Wohnraum angewiesen. Kostengünstiger Wohnraum liegt oft an Hauptverkehrsstraßen. Sind Menschen mit geringem Einkommen deshalb besonders von Lärm und Schadstoffen betroffen?

! Dieser Zusammenhang zwischen sozialer umweltbezogener Ungleichheit kann als gesichert angesehen werden. Dies wird auch als umweltbezogene Ungerechtigkeit bezeichnet und wirkt sich auf die Gesundheit der Menschen aus. Wichtig ist hierbei, dass es nicht allein um Menschen mit geringem Einkommen geht, sondern Menschen – auch wenn dies gesetzliche verboten ist – immer wieder rassistisch diskriminiert werden. So ist nachgewiesen, dass Menschen allein aufgrund eines nicht deutsch klingenden Nachnamens weniger Wohnungsangebote erhalten als Menschen mit einem deutschklingenden Namen. Derzeit liegt hier eine Klage von Humaira Waseem beim Bundesgerichtshof zur Entscheidung vor. Frau Waseem wurden unter ihrem eigenen Namen Wohnungen nicht angeboten wurden, während sie als Julia Schneider Angebote erhielt.

Egal aufgrund welcher Ursache Menschen an starkbefahrenen Straßen leben, kann festgehalten werden, dass hier soziale Benachteiligung und gesundheitliche Belastung zusammenfallen. Häufig kommt noch hinzu, dass diese Personen gar kein Auto fahren oder besitzen. In der Umweltpolitik ist das Verursacherprinzip ein leitendes Prinzip, dass hier nicht zum Tragen kommt. Tempo 30 an Straßen mit Wohnbebauung wäre zumindest ein Beitrag, die Belastung durch aktives Handeln der Verursacher zu reduzieren.

? Eine Reduzierung der Geschwindigkeit auf Hauptstraßen hat positive Auswirkungen auf die Belastung der Bürger. Wäre Tempo 30 eine Maßnahme um Bochum lebenswerter zu machen?

! Generell hat Tempo 30 positive Effekte. Zuletzt wurde in den Medien über den Erfolg Helsinkis berichtet, dass es dort im letzten Jahr keinen Verkehrstoten gab. Tempo 30 hat hierzu ein wesentlicher Beitrag geleistet. Gleichzeitig wirkt Tempo 30 positiv auf eine Verringerung von Luft- und Lärmbelastung. Ein wichtiger Punkt ist zudem, dass es eine kostengünstige Möglichkeit ist. Die Stadt Berlin ist diesen Weg bei knappen Kassen recht konsequent gegangen und hat hier beachtliche Erfolge erzielt.

Allerdings sind die Möglichkeiten Tempo 30 kommunal festzusetzen begrenzt und kann, beispielsweise auf Bundesstraßen nicht umgesetzt werden. Daher wäre eine Veränderung der Straßenverkehrsordnung auf eine Richtgeschwindigkeit von Tempo 30 in Innenstädten ein wirksamer Beitrag zur Gesundheitsförderung.

Zudem gilt es alternative Formen der Mobilität zu fördern und gewonnene Qualitäten im Straßenraum nutzbar zu machen. Hierzu gibt es tolle Ansätze, deren Umsetzung wir an der Hochschule Bochum forschungsseitig begleiten. In der InnovationsCommunity Urban Health beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Umsetzung einer gesundheitsfördernden Stadtentwicklung. Voraussichtlich im März rufen wir zu neuen Projektideen im Bereich aktiver Mobilität auf, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts begleiten. Weitere Infos finden Sie unter https://urbanhealth-digispace.de/icuh/