In unserer Interviewreihe sprechen wir heute mit David Kohlrautz, Professor für Verkehrswesen, insbesondere Radverkehr, an der Hochschule Bochum. Radwende Bochum ist Kooperationspartner von Bochum gemeinsam und hat dieses Interview geführt.
? Seit einem Jahr sind Sie „Fahrradprofessor“ an der Hochschule Bochum. Was ist Ihr Aufgabengebiet?
! Meine Aufgaben sind natürlich Forschung und Lehre, wie bei jeder Professur. In der Forschung und in Projekten mit Studierenden geht es dabei im Wesentlichen um Radverkehrsthemen. In den Vorlesungen kommen weitere Themen wie Mobilitätsforschung oder auch Verkehrsmodelle dazu.
? Beschäftigen Sie sich auch mit der Situation für Radfahrende in Bochum? Wo sehen sie am meisten Verbesserungsbedarf für Bochum?
! In einem Seminar haben sich im letzten Semester Studierende unseres Fachgebiets unter anderem mit der Parksituation in Neubauten beschäftigt und Stärken und Schwächen des entstandenen Fahrradabstellanlagenangebots herausgearbeitet. Das ist aus meiner Sicht eines der Hauptprobleme im Bochumer Radverkehr. Am stärksten sind davon jedoch Bestandsgebäude betroffen. Wer in einem der vielen Mehrfamilienhäuser aus dem 20. Jahrhundert wohnt, weiß von den Problemen, sein Fahrrad oder auch sein Pedelec sicher abzustellen. Das Thema wurde beim Bau damals nicht mitgedacht. Dabei geht es sowohl um die Verfügbarkeit von sicheren Abstellmöglichkeiten und um deren Erreichbarkeit. Der beste Fahrradkeller nutzt wenig, wenn er sich am Ende steiler Treppen befindet und Radfahrende ihr neues Pedelec kaum nutzen, weil sie den Aufwand des Raustragens im Alltag scheuen.
Ein weiteres Problem sehe ich im Netzzusammenhang. Es gibt viele Abschnitte mit guter Radverkehrsinfrastruktur, wie zum Beispiel auf der Essener Straße. Solange aber zwischendrin Abschnitte sind, die nicht gut ausgebaut sind oder gänzlich fehlen, sinkt auch der Nutzen der sich daran anschließenden Strecken erheblich.
? Inwieweit arbeiten Sie mit der Stadt Bochum zusammen?
! In verschiedenen Projekten unterstützen wir die Stadt Bochum, zum Beispiel in Bezug auf die Gestaltung der Stellplatzsatzung oder auch bei der Evaluation der Umleitungsstrecke des RS 1. Darüber hinaus stehe ich natürlich im engen Austausch mit den handelnden Personen der Stadtverwaltung. Umgekehrt finanziert die Stadt einen Teil einer Stelle an meiner Professur, was ihre Unterstützung für die Einrichtung der Professur verdeutlicht. Wo es sich anbietet, arbeite ich auch bei Abschlussarbeiten, die an der Professur betreut werden, eng mit der Stadt zusammen.
? Kooperieren Sie auch mit Initiativen, die sich mit der Mobilität in Bochum beschäftigen?
! Grundsätzlich stehe ich Initiativen gerne beratend zur Seite oder biete durch Vorträge Einblicke in die Hintergründe der Verkehrsplanung. Als Forscher bin ich persönlich aber erstmal unabhängig und vertrete keine Interessen. Ich stehe aber natürlich für gemeinsame Projekte zur Verfügung.
? Radwende Bochum hat das Ziel, dass mehr Menschen das Rad als Verkehrsmittel nutzen. Das kann unserer Meinung nach nur funktionieren wenn Radfahrende angstfrei, sicher und komfortabel in Bochum Fahrrad fahren können. Zur Zeit beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit der Gefahr, die von parkenden Autos ausgeht. In Bochum kommt es leider immer wieder zu sogenannten Dooring-Unfällen, da an vielen Straßen die Sicherheitstrennstreifen fehlen. Inwieweit sind Städte verpflichtet Sicherheitsstreifen nachzurüsten oder andere Maßnahmen zu ergreifen um die Sicherheit von Radfahrenden zu verbessern?
! Schutzstreifen und Radfahrstreifen ohne ausreichende Sicherheitstrennstreifen zu Parkstreifen stellen ein relevantes Sicherheitsproblem dar. Die Infrastruktur suggeriert Sicherheit, obwohl sie nicht da ist, da von Kraftfahrzeugfahrenden geöffnete Türen zu schweren Verletzungen führen können. Daher bräuchte es dringend überall dort, wo Parkstreifen neben Radverkehrsanlagen angeordnet sind, Sicherheitstrennstreifen mit einer Breite von möglichst 0,75 m. Die Verwaltungsvorschrift zur StVO schreibt explizit vor, dass ein Radfahrstreifen nur dann in Betracht kommt, wenn ein zusätzlicher Sicherheitsraum geschaffen wird. Da es sich bei Markierungen um verkehrsrechtliche Anordnung handelt, besteht eigentlich kein Bestandsschutz. Aus diesem Grund müssten Markierungen, die schon da sind, überprüft und angepasst werden. In Aachen hat die Stadtverwaltung deshalb angefangen, diese Stellen systematisch abzuarbeiten. Dies erfordert jedoch in vielen Fällen eine Neuaufteilung des Straßenraums. Es kann daher zum Entfall von Parkständen oder auch zur Demarkierung der Radverkehrsanlage kommen. Letzteres kann durch die Zunahme von widerrechtlichem Fahren auf Gehwegen jedoch erneute Gefahren für die Verkehrssicherheit bedeuten, da Konflikte von der Straße auf den Gehweg verlagert und nicht aufgelöst werden.
Des Weiteren gibt es eine rechtliche Verpflichtung an Unfallhäufungsstellen Maßnahmen zu ergreifen. Da wir im Radverkehr aber eine hohe Dunkelziffer haben, also vor allem Alleinunfälle und Unfälle zwischen Radfahrenden selten polizeilich gemeldet werden, besteht das Risiko von blinden Flecken. Wir wissen also nicht immer, wo überall Unfälle passieren und möglicherweise auch Maßnahmen ergriffen werden müssten.
? Wie würden Sie einen zukunftsfähigen Verkehr beschreiben, also eine Gesamtvision, die Radfahrende und alle anderen Verkehrsteilnehmenden einschließt?
! Es gibt das Leitbild einer menschen- statt einer verkehrsgerechten Stadt. Dies bedeutet, dass wir die Stadt so gestalten, dass sich möglichst viele Menschen und Gruppen in dieser wohlfühlen. Das meint sowohl Personen mit als auch ohne Mobilitätseinschränkungen, junge und alte Menschen. In vielen Fällen hilft dabei eine Trennung von Verkehrsmitteln, aber eben auch die Reduktion von Geschwindigkeiten dort wo eine Trennung nicht möglich oder sinnvoll ist.
? Wie kann erreicht werden, dass Busse, Bahnen, Autos, das Radfahren und das Zu Fuß gehen gleichberechtigt behandelt werden?
! Um die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmenden zu erfüllen, fehlt in den meisten Straßen der Platz. Hinzu kommen noch die Flächenbedarfe der Aufenthaltsqualität und für die Klimaanpassung. Wir müssen also abwägen, wie wir den vorhandenen Raum aufteilen wollen. Wenn das Ziel eine Förderung des Umweltverbundes ist, also von Fuß- und Radverkehr sowie öffentlichem Verkehr, muss der motorisierte Individualverkehr, also im Wesentlichen der Pkw, Flächen abgeben, sowohl was Fahrbahnen als auch Parkstreifen angeht. Leider fehlen dafür häufig die politischen Mehrheiten, wenn es an konkrete Vorhaben geht.
Des Weiteren sollten wir vermeiden, die Verkehrsmittel des Umweltverbundes gegeneinander auszuspielen, zum Beispiel durch die Vermeidung der Führung des Radverkehrs durch Bereiche des Fußverkehrs in Parks oder Fußgängerzonen. Durch die zunehmenden Geschwindigkeiten im Radverkehr durch die Verbreitung von Pedelecs sind solche gemeinsamen Führungen noch kritischer einzustufen.
Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Ihnen eine erfolgreiche Arbeit in Bochum.
